Bilder und Sounds vom echten Blues

Der Fotograf Alex Küstner ist unter seinen deutschen Kollegen sicher ein Unikum, den er ist bereits als Jugendlicher Ende der 1960er Jahre auf dem Umweg über die Popmusik für den schwarzen Blues entflammt. Seither hat er auf bisher 29 Reisen in die USA mit einer Kleinbildkamera zigtausende Musiker-Porträts und Aufnahmen der ländlichen Lebenswelt von vor allem Alabama, Mississippi und Louisiana sowie etliche Tonbänder mit Feldaufnahmen von Bluesmusikern erstellt. Aus den Tonbändern sind einige LPs hervorgegangen, unter anderem 1978 „Back to the roots“ von Big Joe Williams und 1980 gemeinsam mit Ziggy Christmann die 14-teilige Langspielplatten-Serie „Living Country Blues USA“.

Seit einigen Jahren sind Auswahlen aus seinem Werk in verschiedenen „Locations“ in Deutschland gezeigt worden, sei es unter dem Titel „Blues On The Road. Jazz And Images Of The South“ oder auch „Images of the Deep South“. Aktuell ist eine Auswahl seiner Fotos im „Vinyl-Reservat“ ↑ in Göttingen zu sehen.

Da Alex Küstner die Musiker nicht nur fotografiert, sondern auch bei Ihnen gelebt und sie in ihrem Alltag begleitet hat, sind Aufnahmen entstanden, die in ihrer Authentizität und Dichte ihresgleichen suchen. „Echter“ kann der Blues und können seine Abbildungen kaum noch sein. Es sind Aufnahmen aus einer Musikkultur, die so gar nicht mehr existiert, denn die meisten der fotografierten Musiker sind inzwischen verstorben.

Die „Musealisierung“ einer einstmals (?) ungemein lebendigen und einflussreichen Musikrichtung schreitet unverkennbar voran. Zudem entwickeln sich viele einstige Stätten des Blues zu touristischen Attraktionen, wie es besonders deutlich auf dem „Mississippi Blues Trail“ zu sehen ist, auf dem gerade die 200. der typisch blauen Hinweistafeln aufgestellt wurde, die an die Geschichte des Liedes „Rocket 88“ erinnert. Alle Hinweistafeln stehen an für den Blues maßgeblichen Orten und erzählen eine Geschichte dazu. Zu ihm gehören auch diverse Bluesclubs und Museen, die sich mit der Bluesmusik beschäftigen. Auf der Website zum Blues Trail ↑ sind sie alle verzeichnet.

Es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis die Rockmusik an dem Punkt angelangt ist, an dem der Blues schon heute steht. Allein anhand der Liste der Verstorbenen aus den vergangenen zwei, drei Jahren ließe sich eine große Ausstellung füllen. Doch wie beim Blues wird auch bei der Rockmusik und ihrem Weg ins Museum deutlich werden, wie inspirierend und einflussreich sie heute noch ist. Wer hinsieht und hinhört, entdeckt dort eine große Anzahl von jungen Bands und Künstlern, die eine vollkommen freie und frische „Traditionspflege“ betreiben, die man sich gerne gefallen lässt. Bei der Rockmusik ist es nicht anders – wir dürfen da ganz entspannt in die Zukunft schauen. 🙂

Nehmen wir als erstes Beispiel für frische aktuelle Bluesmusik das „Shawn Jones Trio“, dessen gerade abgeschlossene Deutschland-Tour dafür gesorgt hat, dass zumindest ein paar Leute auf diesen begnadeten Gitarristen aufmerksam wurden (aktuelle LP „Pain Passed Down“).

The Whiskey Foundation ist eine Combo aus München, die dem Blues so viel Seele einzuhauchen vermag, dass man ihn in dieser Stimmung und Qualität garantiert auch noch in weiteren hundert Jahren hören will (aktuelle LP „Blues And Bliss“).

Otis Taylor gehört schon zu den alten Recken der amerikanischen Blues-Musik, der sich 1977 aus Frust von der Musikindustrie abwandte und beruflich andere Wege ging, Mitte der 1990er Jahre aber (zu unserem Glück) wieder begann, Blues-Platten zu veröffentlichen, die keine Chart-Positionen erreichten, aber unbestreitbar zu den besten ihrer Gattung gehören (aktuelle LP „Fantasizing About Being Black“)

Wilfried

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