Die tägliche Dosis Underground 1

“Goin’ underground” war das Motto der 4. DJ-Night 2014 auf dem Schlossplatz in Jever und stimmte die Besucher darauf ein, dass an diesem Abend Musik abseits des Mainstreams zu hören sein würde – Musik aus den 1960er bis 80er Jahren, die nicht unbedingt einem bestimmten Stil entsprach oder eben abseitig war, sondern einfach nur mutiger, auch experimenteller, immer aber frischer als die jeweils etablierte Musik aus den Charts.

Heute – und auch für die Musik von heute – wird der Begriff “Underground” eher seltener verwendet, und wenn, dann gleicht er oft nur einem Marketing-Schlagwort, dem die entsprechenden Inhalte fehlen. Ein kleines Häuflein Aufrechter versucht daher seit Jahren, im Geist der “alten Zeiten” darauf hinzuweisen, dass es auch in unserer Zeit einen musikalischen “Underground” gibt: die Underground-ÄxpÄrten ↑ (“ein verschworener und rockbesessener Haufen mit dem Ziel, die musikalische Subkultur zu fördern”) betreiben ein eigenes Internet-Radio, in dem werktags ab 20 Uhr ein ganz besonderes Programm zu hören ist – Playlists, Wochen- und Sendepläne finden sich auf der Website zum Projekt.

Im Zusammenklang mit Hippiesland.de ↑, dem “Underground-Magazin für Hippies und Musikfreaks” wird über aktuelle Platten, Festivals und Konzerte berichtet, die im weitesten Sinne dem musikalischen “Underground” zuzurechnen sind.

Natürlich ist der “Underground” mehr als nur Rockmusik, aber gerade diese blüht hier in besonderer Pracht und ist genauso interessant wie der “Underground” aus den klassischen Zeiten. Die tägliche Dosis “Underground” hält frisch, macht neugierig und ist nach wie vor das schönste Lebenselixier für den Alltag, das man sich nur vorstellen kann. Ein paar Belege gefällig? 🙂

Der Black Rebel Motorcycle Club ↑ aus San Franzisco ist seit 1998 die Gitarrenband, auf die sich alle einigen können, selbst die Hipster, die den Klang elektrischer Gitarren sonst nicht ertragen können, schätzen den eigenständigen Garagenrock-Sound der Band, der auch Ausflüge in Psychedelic, Folk, Gospel oder Americana kennt, aber gleichwohl das Beste von Bands wie den frühen Rolling Stones, den Doors, den Stooges und späteren Bands wie den Spaceman 3 und Jesus & Mary Chain in sich vereint. Die rebellische Attüde mit düster-kritischen Texten und den obligatorischen schwarzen Lederjacken ist auch nach fast zwanzig Jahren Bandgeschichte und vielen Aufs und Abs echt geblieben.

Von allen “Underground”- und in diesem Fall auch “Retro”-Bands setzen Vibravoid ↑ aus Düsseldorf sicher am konsequentesten die Sounds und den Style der 1960er Jahre um. Für sie endet die Rockmusik spätestens 1967/68, da alles, was danach kam, fast immer vom Kommerzdenken der Musikindustrie gelenkt und kalkuliert sei. Ihr Psychedelic-Rock ist geprägt von Syd Barret’s Pink Floyd und den frühen Krautrock-Soundexperimenten von Bands wie Kraftwerk und CAN. Es ist klar, dass man diese Musik mögen muss, um von der Band mitgenommen zu werden, aber vor allem live ist Vibravoid ein ganz besonderer Augen- und Ohrenschmaus, und die Cover-Versionen von z.B. “Set The Controls For The Heart Of The Sun” oder “Mother Sky” sind eher noch besser als die Originale, und das will auf jeden Fall etwas heißen.

King Gizzard & the Lizard Wizard ↑ ist eine seit 2010 bestehende australische Rock-Band, die in punkto Experimentierfreude ALLEN anderen Bands längst das Wasser abgegraben hat. Die unglaublich produktive Band hat seit 2012 bereits 13 Studio-Alben ohne irgendeinen Qualitätsmangel veröffentlicht, davon allein 5 im Jahr 2017. Einst angefangen als Garagen- und Surf-Rock-Band hat sich die “Gizz”-Musik immer weiter und immer schneller entwickelt, der Psychedelic-Rock einiger Platten ist längst einer unvergleichlichen Mixtur mit Elementen von ProgRock, Folk, Jazz, Soul, Metal, Blues und Funk gewichen, ein Hörspaß ohnegleichen – Frank Zappa würde diese Band sicher lieben.

Mit der LP “Polygondwanaland” aus dem vergangenen Jahr haben die fünf Musiker darüber hinaus einen weiteren, ganz besonderen Akzent gesetzt. Die Platte mit ihren skurilen Science-Fiction-Geschichten haben sie komplett ihren Fans geschenkt, d.h. auch die Vinyl- und CD-Masterbänder, die Lyrics und das vollständige Artwork. Die Fans sollten mit diesem Material ihre eigenen Versionen der Platte erstellen und verkaufen. Und was für Platten sind dabei entstanden! Ein kleines Label hat daraus ein kunterbuntes Vinyl-Set entwickelt, dass nur an bestimmte Plattenläden geliefert und von dort verkauft werden darf (als Fördermaßnahme für kleine unabhängige Plattenläden), ein anderes fertigte eine Ausgabe, deren Verkaufserlöse zur Gänze an eine Krebs-Stiftung gehen. Bist heute ist kein Fall bekannt geworden, bei dem jemand die Vorlagen genutzt hätte, um in die eigene Tasche zu wirtschaften – auch das ist Underground …

Wilfried


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