Hör-Tipps für Wiedereinsteiger

Fast immer, wenn man sich über die Diskotheken-Ausstellung im Schlossmuseum Jever unterhält, kommt neben vielen Assoziationen und Geschichten auch irgendwann unweigerlich das Thema “Musik” zur Sprache. Inmitten der meist euphorischen Reaktionen kommen immer wieder mal auch zwei Fraktionen zu Wort, die das musikalische Geschehen damals wie heute anders beurteilen.

Während die eine Fraktion relativ schnell den Olle-Kamellen-Vorwurf (“Geh mir weg mit den ollen Kamellen, das will doch keiner mehr hören”) herausholt und damit zumeist auch das Gespräch beendet, ist die andere Fraktion durchaus bereit, über die klassische Zeit der Rockmusik in den 1960er und 70er Jahren zu reden. Doch auch hier kommt irgendwann mit leidender Miene das in der Regel ebenfalls gesprächsbeendende Argument, dass die Smashing Pumpkins die letzte “richtige” Rockband gewesen seien und die Rockmusik seit deren Ende somit auch erledigt sei.

Beiden Fraktionen gemeinsam ist zudem die bedauernswerte Tatsache, dass deren Verfechter heute gar keine oder komplett andere Musik als in ihren Jugendjahren hören (Klassik, Jazz, Country). Für die durchaus vorhandene neue Rockmusk sind sie als Hörer verloren.

Vielen Rockmusik-Hörern gelten die Jahre zwischen 1965 und 1985 als die Zeit der klassischen Rockmusik. In den ausgehenden 1980er Jahren hat die Rockmusik ohne Zweifel an Substanz und Boden verloren. In den 1990er Jahren eroberten elektronische Klänge den Massenmarkt und Musiker mit Gitarren galten als konservative Fortschrittsfeinde. An dieser vorherrschenden Meinung änderten auch gute Bands wie REM, Pearl Jam, Nirvana, Madrugada oder eben die Smashing Pumpkins so gut wie nichts.

In den 00er Jahren änderte sich das musikalische Geschehen wieder. Nachdem sich gezeigt hatte, dass die in den Charts und den Diskos vorherrschenden Techno- und Electropop-Rhythmen wenig entwicklungsfähig waren, wandten sich viele junge Bands wieder dem kreativen Geist der 1960er und 1970er Jahre zu. In den ersten Jahren war die Anlehnung an die Rockmusik der frühen Jahre (bzw. die Plattensammlung der Eltern) zumeist deutlich erkennbar und daher wenig innovativ, wenn auch oft schon gut anzuhören. Der Vorwurf der “Retromanie” hält sich bis heute, aber das Koordinatensystem der Rockmusik hat sich erneut gewandelt.

Einer der wichtigsten Gründe für diesen erneuten Koordinatenwandel der Rockmusik liegt in der zunehmenden Digitalisierung und damit wahrlich grenzenlosen weltweiten Verfügbarkeit von Musik. Das Museum of Modern Art in New York versucht diesen Einfluss – bezogen auf die Kunst – in einer neuen Ausstellung greifbarer zu machen. “Die Kunst sei, so erklärt es die Kuratorin Laura Hoptman, in eine Epoche der Zeitlosigkeit eingetreten, vor allem dank der digitalen Revolution. Die Künstler von heute schwämmen in einer elektronisch vermittelten Bilderflut, (…) und alle ringen sie nicht länger mit der Übernahme historischer Vorbilder. Vielmehr haben sie sich eine ‘Promiskuität der Stile’ zu eigen gemacht, so Hoptman, die in der Sampling-, Remix- und Mash-up-Kultur der Musik und Mode längst selbstverständlich ist” (Die Zombies zieht es ins Museum. Hat für die Malerei eine neue Epoche begonnen? Das MoMA in New York entdeckt eine Kunst von erstaunlicher Zeitlosigkeit. DIE ZEIT Nº 02/2015 ↑)

Seit 5, vielleicht seit 10 Jahren existiert weltweit eine neue Rockmusik, die qualitativ den Ahnen absolut das Wasser reichen kann. Ihr mangelt es leider oft an Aufmerksamkeit und Präsentationsmöglichkeiten. Das klassische Rock-Radio ist selbst im Nachtprogramm kaum noch vorhanden, das Internet bietet zwar alles, ist aber unübersichtlich und undurchsichtig. Zudem ist die neue Rockmusik mit dem mittlerweile arg politisierten Begriff des Retro, also dem Rückgriff auf Konzepte oder Stile vergangener Epochen, nicht zu erfassen. Musiziert wird durchaus im Geiste der klassischen Zeit, also der 1960er bis 1980er Jahre, aber die Bands tun dies auf der Grundlage moderner/aktueller Stile und Codes und ästhetischer Vorstellungen.

Eine kleine musikalische Weltreise mag dem einen oder der anderen ehemaligen Hörer/in von Rockmusik ein paar Anhaltspunkte für den Wiedereinstieg bieten.

Wir starten mit der aus Chile stammenden Band “Föllakzoid”, deren Mitglieder sich als große Krautrock-Fans erweisen und aus dem Krautrock der 1970er ein ganz und gar modernes und sehr süffiges Gebräu, von ihnen “Cosmic Rock” genannt, entwickelt haben (“Trees”). Anschließend überqueren wir den Kontinet und landen in England, wo sich die Band “Lunar Dunes” aus dem relativ engen Korsett des pyschedelischen Rock befreit hat und im Spannungsfeld von Chick Corea’s Return To Forever und Jeff Beck (ja, das geht!) eine wunderbar leichte Rockmusik kreiert (“Moon Bathing”).

Von England machen wir einen Abstecher nach Skandinavien, wo z.B. in Finnland eine Band namens “Hidria Spacefolk” seit Jahren hochkarätigste, von Folk- und Psychedelic-Rock beeinflusste Progrock-Platten veröffentlicht, die einen ob ihres Ideenreichtums und ihres Niveaus zuweilen sprachlos machen. Von “Hidria Spacefolk” hören wir das Stück “Amos Ame”, das stellvertretend für alle anderen Songs der Band unvergessliche Musikhörer-Momente bescheren kann.

Im benachbarten Schweden hat sich in den wilden Weiten des Landes eine Band namens “GOAT” entwickelt, die eine Art folkloristisch-weltmusikalischen Hardrock spielt. Mit dieser mitreißenden Musik sind sie seit Jahren Highlights auf den einschlägigen Festivals und würden auch in einer modernen Rock-Disko die Tanzböden zum Beben bringen (“Det Som Aldrig Förändras/Diarabi”).

Wir beenden unsere kleine musikalische Weltreise in Deutschland, wo ein Musiker namens “Sula Bassana” seit Jahren faszinierende Platten produziert, von denen aber nur eine ganz kleine Szene Notiz nimmt. Nicht einmal in den aktuellen Streaming-Diensten findet sich diese Musik, die Plattenfirma ist vermutlich einfach zu klein, um für eine größere Aufmerksamkeit zu sorgen. Hinter “Sula Bassana” verbirgt sich der Multiinstrumentalist Dave Schmidt, der sich in der Retro-Band “Liquid Visions” erste Sporen verdiente und heute mit “Electric Moon” psychedelische Stoner-Rock-Musik darbietet. Seine eigenen Solo-Projekte spielt er weitgehend selbst ein und offeriert auf seinen Platten eine Musik, die in den etwas härteren Momenten (natürlich) an die frühen Pink Floyd oder Hawkwind erinnert, aber ansonsten eine ganz neue musikalische Spielwiese zwischen Krautrock, Space-Rock, Psychedelic und Ambient-Beat erschaffen hat (“Endless”).

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, findet in der aktuellen Liste weitere Song-Beispiele der genannten Bands und einige zusätzliche Überraschungen. Viel Spaß beim Hören der neuen Rockmusik!

Wilfried

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