Auge sticht Ohr, Klang ist egal

Mein erstes Radio war ein taschenbuchgroßes Transistorradio vom einstigen Versandhaus Quelle, dessen elektrische Geräte unter dem Label „Universum“ vertrieben wurden, und mit dem ich emsig Sendungen wie „Musik nach der Schule“ oder „Internationale Hitparade“ verfolgte. Mit Hilfe von Erspartem, Konfirmationsgeld und Erlöse aus familiärem Fahrradputzen gelang dann der Aufstieg zu einer Stereoanlage von „Saba“, die schon einigen Wohlklang und vor allem mehr Bässe bot. Im Erwachsenenalter schließlich stand dann eine respektable Anlage von „Onkyo“ im Regal, die auch die feinsten Töne recht ordentlich verteilte und mit der man richtig Lärm machen konnte. Mindestens die Hälfte meiner Zeitgenossen handelte ähnlich.

Heutzutage aber klingen „Entwicklungsgeschichten“ dieser Art seltsam und sind für die meisten jungen Musikhörer nicht mehr nachvollziehbar. Ein vielfältiges Medienangebot und innovative technische Geräte machen Musik überall verfüg- und abspielbar und haben damit den Stellenwert von Musik und deren Klang (und damit auch deren Genuss) fundamental verändert. In dem Artikel „The Times They Are A-Changin'“ zieht das Vinylmagazin „Mint“ ↑ in der Ausgabe 04/17 eine bittere Bilanz: „Normal ist heute, dass man seine via Spotify gestreamten Lieblingssongs auf dem Computer oder dem Handy hört, nicht selten über Boxen oder Kopfhörer, die oft weniger kosten als eine neue Langspielplatte. Das es entsprechend klingt, spielt dabei keine Rolle – und das nicht nur, weil man den Unterschied nicht kennt und man selbst in dem Moment, wo man ihn erleben würde, vermutlich nicht bereit wäre, deutlich mehr Geld für das ‚bisschen Musik‘ auszugeben […]. Längst hat eine Umkehr von Werten stattgefunden, bei der die Qualität einer Sache nicht mehr das Hauptkriterium ist […]. Dass das Ohr im Bedeutungskampf der Sinnesorgane dem Auge längst unterlegen ist, sei hier nur am Rande bemerkt […].“

Wie sehr diese Veränderungen und Entwicklungen bereits vorangeschritten sind, zeigt aktuell ein (eigentlich sehr innovatives und aufregendes) Projekt eines deutschen Telekommunikationskonzerns. Unter der Marke „MagentaMusik 360“ werden Live-Konzerte gestreamt, die mit zahlreichen Kameras so genannte 360-Grad-Livestreams ermöglichen. Man darf sich darunter eine Art Super-Live-Feeling vorstellen, denn die Spezial-Kameras sind auch auf der Bühne und praktisch überall installiert und ermöglichen Blicke auf die Band oder den Künstler nicht nur von vorn, sondern auch von hinten und oben und von der Seite. Wie das aussehen kann, zeigen Beispiele auf der Website zum Projekt „MagentaMusik 360“ ↑.

Die entsprechend aufgenommenen Konzerte sind per kostenpflichtigem „Entertain-TV“ auch auf dem Fernsehgerät empfangbar, aber das Hauptaugenmerk der Vermarktung liegt auf der „MagentaMusik 360 App“, was nichts anderes bedeutet, als das diese mit hochwertigster Technik aufgenommene Musik in erster Linie für das Hören mit dem Smartphone vorgesehen ist. Sicherlich ist auch mit dem Smartphone ein passabler Klang möglich (n-tv: Schluss mit dem Geplärre. Smartphone-Klang kann man verbessern ↑), aber grundsätzlich ist es ein reduzierter Klang, der Feinheiten und Differenzierungen einebnet und mit so etwas wie „Musikgenuss“ nicht mehr viel zu tun hat. Das die Konsumenten dies komplett widerspruchslos hinnehmen, zeigt den Ernst der Lage.

Wohin diese Entwicklung aber wirklich führen wird, ist trotz mancher Sorgenfalten längst nicht entschieden. Die wiederaufkeimende Vinyl-Kultur, die ohne bewußtes und handelndes Musikhören und ohne so etwas wie eine HiFi-Anlage kaum denkbar ist, oder die Idee der „Classic Album Sundays“ zeigen dies deutlich auf. Und auch die HiFi-Experten selbst schwanken zwischen Katastrophenstimmung und Optimismus, wie eine den Wandel der HiFi-Kultur diskutierende Expertengruppe im bereits erwähnten Mint-Magazin beweist.

Lassen wir uns überraschen. Entscheidungen für den Klang, den man möchte, hängen natürlich stark an der Musik und von musikalischen Erfahrungen ab. Songs z.B. wie der 1971er Diskothekenkracher „Black Sand“ der Psychedelic-Rock-Band „Brainticket“ werden immer besser und wuchtiger, je besser das Abspielgerät ist. Das merkt jede(r). Einfach mal Ausprobieren! 🙂

Wilfried

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