Diskotheken als Kultorte

“Kult! Angesagte Orte in Oldenburg” nennt sich derzeit eine Ausstellung, die vom 26. Oktober 2019 bis zum 01. März 2020 im Stadtmuseum Oldenburg ↑ zu sehen ist. Sie widmet sich den Orten, die den Oldenburger*innen eine Zeitlang besonders wichtig waren oder sie auch ein ganzes Leben lang begleiten. Der zentralen These der Ausstellung kann man sicherlich uneingeschränkt zustimmen: “Mit ‘Kult’ verbindet man – jenseits der ursprünglich religiösen Bedeutung – Orte, Objekte oder Ereignisse, die Emotionen wecken. Gleich ob Diskothek, Bratwurst-Bude, Grünfläche oder Sportstätte – mit ‘Kultorten’ sind Erinnerungen verknüpft, die zu einem wesentlichen Teil der eigenen Identität gehören und die nicht selten in der Gemeinschaft geteilt werden.”

Die “Kult”-Ausstellung ist nicht nur für Oldenburger*innen interessant, und sie verdankt einen wesentlichen Impetus sicherlich der Diskotheken-Ausstellung im Schlossmuseum Jever ↑, die seit 2007 für frischen Wind in der Ausstellungsszene nicht nur der Region sorgt. Während die Ausstellung in Jever langsam in die Jahre gekommen ist und einem letzten Höhepunkt im nächsten Jahr entgegenstrebt, ist die Ausstellung in Oldenburg aktuell und sorgt dabei für manche Überraschung.

Begleitend zu den Kultorten in den Ausstellungsräumen des Stadtmuseums ist ein Online-Stadtplan ↑ entwickelt worden, in dem Interessierte “ihren” Kultort eintragen können.

Auch so manche Diskothek hat bereits ihren Platz in der Karte gefunden, weitere warten noch auf ihre Eintragung …

Beim Studium der Karte erwacht beispielsweise die Erinnerung an einen Oldenburger Kultort wieder zum Leben, den die meisten bereits vergessen haben werden, möglicherweise sogar nie kannten.

In der Karte als “Gemeindesaal Kurlandallee” bezeichnet, damals bekannt als “Kulturzentrum Oldenburg” und heute geläufig als “Kulturzentrum Rennplatz” ist diese Stätte tatsächlich ein Ort, wie er “kultischer” nicht sein könnte. Der Legende nach haben dort von 1988 bis 1990 (genauere Daten hat vielleicht jemand für uns?) zwei Zivildienstleistende viele Freiräume genossen und ihre Zeit genutzt, um damals angesagte und teilweise heute legendäre Indie-Bands in den eher abgelegenen Oldenburger Stadtteil zu holen.

Am 12.11.1989 spielten dort z.B. neben TAD (einer frühen us-amerikanischen Grunge-Band) Kurt Cobain, Dave Grohl und Krist Novoselic, die mit ihrer Band “Nirvana” einige Jahre später den Rock-Olymp erreichen sollten, aber auch andere Indie-Größen wie etwa “The Chesterfields”, “Brilliant Corners” oder “And Also The Trees”. Mir persönlich in Erinnerung geblieben ist der Auftritt der deutschen Gitarren-Underground-Band Fenton Weills ↑ am 11.11.1988, die mit ihrer Mischung aus angepunkten Covern von Serien- und Filmmelodien, Led-Zeppelin-Eruptionen und krachenden Instrumentalstücken den Konzertbesuchern eine wilde Party schenkten. Besonders angenehm war dabei der klare und druckvolle Sound, der natürlich in erster Linie den Musikern und den Spezialisten am Mischpult, aber auch dem Sound im “Gemeindesaal Kulturzentrum” selbst zu verdanken war.

Wer nicht glauben mag, dass “Nirvana” tatsächlich in Oldenburg gespielt haben, möge sich ein Video auf Youtube anschauen, das zwar schauerlich klingt und nicht alle Songs des Konzerts enthält, aber immerhin einige Fotos vom Konzert und weitere Aufnahmen vom Ticket und vom Konzertplakat beinhaltet, eine echte Rarität:

Die “Fenton Weills” sind im Gegensatz zu “Nirvana” immer noch aktiv und feiern gelegentlich immer noch wilde Live-Partys. Wer die Gelegenheit hat, eines ihrer Konzerte zu besuchen, sollte dies unbedingt tun. “Playtime” hat die Band auch im “Kulturzentrum Oldenburg” gespielt, ebenso wie “Caballero Andaluz”. Ein weiterer Instrumentalkracher ist “Limbo Of The Lost”, während das Nihilismus-Drama “Jeden Tag neue Angst” live nicht gespielt wird, aber sicher das ambitionierteste Stück der Band darstellt.

Wilfried

P.S.: Die NWZ berichtet in ihrem Artikel “Als Nirvana die Kurlandallee rockte” ↑ vom 18.11.2019 über das Nirvana-Konzert in Oldenburg. Zu Wort kommen auch die beiden Veranstalter.

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