Deutsche Underground-Perlen der 70er V

Eigentlich hätte für die Band “Cravinkel” alles bestens laufen können. Von Wilhelmshaven war man 1970 der vielen Plattenfirmen wegen nach Hamburg gezogen und bekam dort auch relativ schnell einen (für eine deutsche Band) außerordentlich gut dotierten Vertrag bei Philips, dem Label des Musikkonzerns Phonogram.

Die günstigen Umstände ermöglichten es “Cravinkel”, bald darauf deren erste selbstbetitelte LP mit ziemlich rauhem, anglo-amerikanisch angehauchten Folkrock in einem damals angesagten Studio in London aufzunehmen. Anschließend ging die Band zusammen mit Frumpy und Spooky Tooth auf eine große Europatournee.

Der Auftritt als Opener auf dem legendären “Love & Peace Festival” auf der Insel Fehmarn hätte 1970 ein Highlight für das erste “Cravinkel”-Jahr werden können. Im Chaos des Festivals und bedingt durch einen starken Sturm musste der Auftritt nach kurzer Zeit jedoch abgebrochen werden, eine große Enttäuschung für die Band und große Teile des Publikums.

Nach dem Abschluss des ersehnten Plattenvertrags war die Band wieder auf’s Land gezogen, der ruhigeren und damit vermeintlich kreativeren Atmosphäre wegen. Dieser Rückzug aus der Metropole sollte der Band jedoch nicht gut bekommen, denn – wohl wegen der mangelnden Präsenz – in der Musikpresse fand die Band praktisch nicht statt. Wenn doch mal eine kleine Notiz über die Band erschien, dann hieß es fälschlicherweise, diese Band spiele “melodischen Soulrock” und verkörpere eine Art “Romantik aus dem deutschen Bauernhaus”. Selbst bei der Wiederveröffentlichung der ersten LP auf CD im Jahre 2003 fiel den Musikgazetten wenig bis nichts zu dieser Band ein.

1972 nahmen “Cravinkel” eine zweite LP mit diesmal nur drei langen Stücken auf, die deutlich psychedelisch-progressiver ausfiel, ein bisschen an “Cream” erinnerte, aber auch ganz eigene Töne anschlug. Waren von der ersten “Cravinkel”-LP lediglich 5000 Exemplare verkauft worden, so gibt es zur zweiten LP “Garden Of Loneliness” gar keine Zahlen mehr, aber man muß wohl das Schlimmste befürchten.

Als dann auch noch ihr Haus in Volkmarst nahe Bremervörde in Flammen aufging, ging der Band die Seele verloren und so löste sie sich im Spätsommer 1972 auf. Der Gitarrist, Gründer und Namensgeber von Cravinkel, Gert “Kralle” Krawinkel, tauchte Jahre später 1980 als Mitglied von “TRIO” wieder auf. Aber das ist bereits eine andere Geschichte …

Die beiden LPs von “Cravinkel” sind heute gesuchte Sammlerartikel, und insbesondere für die erste LP werden z.B. bei Ebay schon gerne einmal mehrere hundert Euro verlangt. Und das Reinhören in diese Platten lohnt sich durchaus!

Mit “Get A Feeling Going Round” (was für ein passender Titel!) wurde das Fehmarn-Open-Air-Festival 1970 eröffnet und der Song gilt noch heute als ein Zeitdokument des deutschen Woodstock’s. Der 20-Minüter “Stoned” von der zweiten LP klingt zu Beginn wie eine Zustandsbeschreibung der Musiker bei der Aufnahme des Stücks, gewinnt aber zusehends Profil und Klasse und wird schließlich zu einem Prunkstück des Frühsiebziger Progressiv-Rocks.

Wilfried


Vor und Zurück in der Serie‹ Deutsche Underground-Perlen der 70er III Deutsche Underground-Perlen der 70er VII ›

1 Gedanke zu “Deutsche Underground-Perlen der 70er V

  1. Hätte ich nicht besser wiedergeben können. Ich weiß es noch als wenn es erst wenige jahre her ist wie die Platte damals von mir beim Philips Vertreter für die Schallplatten Abteilung bei RADIO SCHUBERT in Jever geordert wurde. Ich habe sie damals überspielt auf ne Cassette. Bereue es jetzt über 40 jahre später ,sie damals nicht gekauft zu haben. HEFTIG TEUER heute, damals für 20,-DM zu haben.
    Ja aber der erste Song beim Jimi Hendrix Festival LOVE & PEACE,das sitzt bis heute in den OHREN. Ich weiß auch noch wie es sich bei mir verankert hat weil es damals nur hieß ” Cravinkel aus Bremervörde”. Erst vor ca.10 jahren bemerkte ich das Cravinkelne abgeänderte form b.z.w. kralle -Krawinkel von TRIO eins war.
    Peter Behrends (Trio-Drummer) hatte ja damals mit seiner Band “SILBERBART” auch genauso ein Philips Produkt am Start,was auch zu haben war bei Radio Schubert in Jever,Am Markt. Auch nicht gekauft und heute ca. 300 € wert.

Schreibe einen Kommentar